Ehrenmal Judenfriedhof Großen-Buseck

Judenfriedhof - ehem. Ehrenmal

Aus alter und neuer Zeit, 14. Februar 1929

Das Israelitische Familienblatt meldet 1928 folgendes:
Großen Buseck (Kr. Gießen) Unter Beteiligung aller Konfessionen wurde das Ehrendenkmal der jüdischen Gefallenen der Friedhofsgemeinschaft Gr. Buseck, Reiskirchen und Beuern auf dem hiesigen Friedhof eingeweiht. Aus Gr. Buseck waren allein 5 Vereine, aus Reiskirchen der Kriegerverein sowie von jeder der drei Gemeinden je eine Abordnung des Ortsvorstandes erschienen. Nach einer zu Herzen gehenden Ansprache von Rabbiner Dr. Sander (Gießen) legte Herr Dr. Meier (Frankfurt), Vorsitzender des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, einen Kranz unter ehrenden Gedenkworten nieder.

Drei christliche Gesangvereine trugen der Feier angemessene Lieder vor, die Kriegervereine sowie die Bürgermeister der drei Gemeinden legten Kränze nieder. Hierauf gab der Kriegerverein Gr. Buseck drei Ehrensalven ab. Zum Schluß sprach der Rabb. Dr. Sander das Kaddischgebet.1ist eines der wichtigsten Gebete im Judentum – Das Denkmal ist aus schwedischem Granit hergestellt. Auf einem breiten Sockel erhebt sich eine etwa 3 Meter hohe Säule, auf der der Mogen Dovid 2Davidstern angebracht ist. Auf der Vorderseite der Säule sind die Namen der Gefallenen in Goldschrift eingraviert: Salli Jakob (Gr. Buseck), Max Griesheim (Beuern), Julius Löwenberg (Reiskirchen).3Israelitisches Familienblatt, Nr. 44 vom 1. November 1928 „Kleine Mitteilungen“

Julius Griesheim, der Bruder des gefallenen Max Griesheim aus Beuern, schreibt 1965 in einem Brief an Paul Arnsberg, dass er „als ein meinem sel. Vater gegebenes Versprechen, ein Denkmal zur Erinnerung an meinen einzigen, in 1915 in Gallizien gefallenen Bruder Max errichten [ließ]. Die beiden gleicherweise betroffenen Familien Jakob in Gr. Buseck und Löwenberg in Reiskirchen schlossen sich meinem Vorhaben an und so kam es zu diesem schönen, eindrucksvollen Stein“.4 Leo Baeck Institute : beuernjewishb001f001_0016.jpg

Bei einer Einweihung im Jahre 1928 handelt es sich um das früheste steinerne Denkmal für gefallene Soldaten des I. Weltkrieges in Buseck. Kommunale Denkmäler wurden 1929 in Beuern, 1931 in Alten-Buseck und 1933 in Großen-Buseck eingeweiht. Zuvor gab es Erinnerungsstätten in den örtlichen Kirchen.
Zumindest in Beuern wird dort auch dem jüdischen Gefallenen Max Griesheim gedacht.5 Salli Jakob wird auf der Großen-Busecker Tafel im Turm der Kirche nicht erwähnt.

Inwiefern die Gräber und das Denkmal im Zuge der Verfolgung jüdischer Mitbürger im Dritten Reich beschädigt oder zerstört wurden liegen keine genauen Angaben vor.

Nach dem Krieg war das Denkmal für die gefallenen Soldaten jedoch soweit beschädigt, dass es wohl nicht restauriert werden konnte. Die Gemeinde Großen-Buseck beauftragte im März 1949 den – aus Beuern stammenden – Allendorfer Bildhauer Wilhelm Heidwolf Arnold mit der Wiedererrichtung des Denkmals nach den Originalzeichnungen und aus rotem Sandstein. Ob Arnold auch das ursprüngliche Denkmal schuf und deshalb im Besitz der Originalzeichnung war, lässt sich derzeit nicht belegen.

Wenn das Denkmal auf eine Initiative des Beuerner Max Griesheim zurückgeht, ist eine Beauftragung des aus Beuern stammenden Wilhelm Heidwolf Arnold durchaus wahrscheinlich. Zumal beide nur wenige Geburtsjahre6Julius Griesheim geboren 1892, Max Griesheim geboren 1895 und Wilhelm Heidwolf Arnold 1897 trennen und sie in Beuern (fast) miteinander aufgewachsen sein dürften.

Judenfriedhof Großen-Buseck - Ehrenmal

Ehrenmal mit Treppe (2010)
(c) Elke Noppes

Arnolds Angebot legt für das Denkmal folgende Maße zugrunde:
Pfeiler 155 x 40 x 30 cm, Kapitell 70 x 56 x 46 cm.
Die Sternbekrönung (Davidstern) ist ca. 40 cm hoch, aus Schmiedeeisen und patiniert.
Die Inschriften auf dem Pfeiler und die Verzierung des Kapitells wurden mit Lorbeerkranz und Widmungsinschrift, wie früher, vertieft eingehauen und farbig ausgelegt.7GemA Buseck GB 1 Nr. 652

Damit hat das Denkmal eine Gesamthöhe von 2,65 Meter.

In der Qualität kommt das neue Denkmal nicht an das Original heran. Statt schwedischem Granit wird roter Sandstein verwendet. Die Goldbeschriftung der Inschrift fällt, zugunsten einer Farbinschrift, weg. Die Hebräische Inschrift wird weggelassen.

Diese Einsparungen dürften u. a. wohl auch der Armut der Gemeinde Großen-Buseck in den ersten Nachkriegsjahren geschuldet sein.

Das heutige Denkmal steht auf einem steinernen Hügel. Ihm sind 4 und 6 steinerne Stufen vorgelagert, die bei dem stark ansteigenden Gelände nicht nur einen bequemen Zugang zum Denkmal bilden, sondern schon von Ferne einen markanten Anblick bieten. Ob dies schon/noch Teil des Originaldenkmals ist, ist unklar.


Quellen:
GemA Buseck = Gemeindearchiv Buseck
Leo Baeck Institute, New York, NY 10011, U.S.A. (https://www.lbi.org)

Literatur:

Aus alter und neuer Zeit, Illustrierte Zweiwochenschrift des >Israelitischen Familienblattes< Hamburg, Nr. 37 / 14. Februar 1929
Israelitisches Familienblatt. Ausgabe für Frankfurt a. M. und Umgebung, Nr. 44 vom 1. November 1928


  • 1
    ist eines der wichtigsten Gebete im Judentum
  • 2
    Davidstern
  • 3
    Israelitisches Familienblatt, Nr. 44 vom 1. November 1928 „Kleine Mitteilungen“
  • 4
    Leo Baeck Institute : beuernjewishb001f001_0016.jpg
  • 5
    Salli Jakob wird auf der Großen-Busecker Tafel im Turm der Kirche nicht erwähnt.
  • 6
    Julius Griesheim geboren 1892, Max Griesheim geboren 1895 und Wilhelm Heidwolf Arnold 1897
  • 7
    GemA Buseck GB 1 Nr. 652
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